friLingue feiert sein 18-jähriges Jubiläum: Die Geschichte eines Abenteuers aus Überzeugung
Achtzehn Jahre. Das Alter der Volljährigkeit, das Alter der Möglichkeiten. In diesem Jahr erreicht friLingue dieses symbolische Jubiläum – der perfekte Moment, um auf den Weg seit dem ersten Camp im Juli 2007 zurückzublicken. Von 29 Teilnehmenden innerhalb von zwei Wochen bis zu Tausenden von Jugendlichen, die heute in unseren Camps in der ganzen Schweiz willkommen geheissen werden: Die Geschichte von friLingue ist die Geschichte einer Vision, die Realität wurde: «Joy teaches language.»
Doch wie hat alles begonnen? Hier erzählt der Gründer selbst, Philipp Alexander Weber, von den chaotischen Anfängen, den Zweifeln, den ersten Erfolgen – und von der Überzeugung, die nie gewankt hat.
Wie alles begann
Dieses Jahr feiert friLingue sein 18-jähriges Jubiläum. Ein perfekter Moment, um zurückzublicken – und vielleicht auch andere zu inspirieren, ihr eigenes Abenteuer zu starten. Oft werde ich gefragt: «Wie bist du auf die Idee gekommen, ein Feriencamp zu gründen?» Die Antwort ist nicht geradlinig.
Wirtschaft oder Philosophie?
Nach der Matura wollte ich eigentlich Philosophie studieren – ich liebte tiefgründige Gespräche, neue Perspektiven und die grossen Fragen des Lebens. Auswendiglernen lag mir jedoch nie besonders. Und die Schule frustrierte mich oft – zu starr, zu trocken, zu leblos.
So entschied ich mich schliesslich für ein Wirtschaftsstudium in Freiburg, auf Deutsch und Französisch – eine pragmatische Wahl, weil ich gut in Mathematik war. Aber der Funke sprang nicht über. Ich wollte nicht einfach «einen Job finden». Ich wollte etwas aufbauen, das wirklich etwas bewirkt.
Vom Skilehrer zum Clown – immer mit jungen Menschen
Während meines Studiums probierte ich vieles aus: Ich leitete Skilager, arbeitete als Skilehrer, half bei der Organisation von Kinderveranstaltungen für eine Agentur (3 Jahre lang – ich liebte es) und stand sogar als Clown im Einsatz. Ich hatte Dutzende von Nebenjobs.
Was all diese Tätigkeiten verband? Die Arbeit mit jungen Menschen. Und meine Begeisterung für internationale Begegnungen. Ich selbst hatte bereits mehrere Sprachaufenthalte in Frankreich und Australien gemacht – und liebte diese besondere Atmosphäre.
Dann kam der Wendepunkt: Ich begleitete eine Gruppe Schweizer Jugendlicher nach England – als Campleiter bei Linguista Sprachaufenthalte. Diese sechs Wochen machten mir eines ganz klar: Das will ich machen. Aber auf meine Art.
Der erste Schritt in Freiburg
Zurück in meiner geliebten Studentenstadt Freiburg traf ich die Entscheidung: Ich werde das Studentenzentrum Centre Fries (der Universität Freiburg) mieten und mein eigenes Camp starten. Vielen Dank, Daniel Waldispühl!
Das war der Anfang. Kein Businessplan. Kein Sicherheitsnetz. Nur eine klare Vision: friLingue – «Joy teaches language» war von Anfang an mein Motto.
Das erste Camp (Juli 2007)

Nach Monaten voller Träume, Planung und Improvisation fand im Juli 2007 endlich das allererste friLingue-Camp statt.
Wir organisierten zwei Sessions à zwei Wochen – mit insgesamt 29 Teilnehmenden. Es war klein, intensiv und voller Herz.
Sprache, Kultur und Begegnung
Die Grundidee war einfach: Sprachimmersion in Deutsch und Französisch – durch echte Erlebnisse. Unterricht in Gruppen von 6 Personen, jeden Morgen. Nachmittags Workshops in Tanz, Theater und Sport (ich spielte den Priester in Romeo und Julia, das wir auf Französisch und Deutsch aufführten). Lokale Ausflüge an den Murtensee, nach Schwarzsee, Estavayer und in die Stadt Freiburg. Einige deutschsprachige Kinder lebten bei französischsprachigen Gastfamilien.
Ein unvergesslicher Moment
Ich erinnere mich noch genau: Unser allererster Schüler – ich glaube, er hiess Esteban – kam am Bahnhof Freiburg an, und ich dachte: «Wow … das passiert gerade wirklich.» Dieser Moment war der wahre Beginn des Abenteuers.
Ein internationales Team von Anfang an

Wir waren ein kleines, aber internationales Team: Pro Woche hatten wir 3 Volunteers aus Serbien, Kanada, der Schweiz und Deutschland (sie halfen beim Kochen, bei Workshops und Ausflügen). Alles spielte sich im Centre Fries in Freiburg ab – ein Ort, der schnell zu unserem Zuhause wurde. Unsere bezahlten Lehrpersonen arbeiteten nur am Morgen, und wir hatten eine Köchin – aber den Rest des Tages lag alles bei mir. Ich war Campleiter, Nachtwächter, Ausflugsleiter, Abendprogramm-Animator … Es war ständig hands-on – und ich liebte es.
Am letzten Tag organisierten wir einen Tag der offenen Tür für die Familien, mit einem Live-Konzert von Peter Saarbach – unsere allererste Feier.
Eine Mission der Zugänglichkeit
Am Anfang war mein Traum, ein Camp für Kinder aus einkommensschwachen Familien zu schaffen. Ich bot sogar Stipendien an – die Jugendlichen konnten ein Motivationsschreiben einreichen und für zwei Wochen nur 800 CHF bezahlen. Doch die Realität holte mich schnell ein: Die meisten Bewerbungen kamen aus gut situierten Familien. Nach zwei Jahren stellten wir das Programm ein – nicht, weil wir nicht daran glaubten, sondern weil wir erkannten: In der Schweiz ist finanzielle Bedürftigkeit komplex.
Wie uns unsere Partner von Kovive später erklärten: «Selbst Familien in schwierigen Situationen haben oft iPhones und Autos – investieren aber nicht immer in solche Erfahrungen.» Seit 2013 arbeiten wir mit Kovive zusammen und bieten jedes Jahr 40 Plätze für Kinder aus bescheideneren Verhältnissen an. Die Mission lebt weiter – einfach in einer anderen Form.
Chaos, Improvisation und Lernen
Hinter den Kulissen? Totales Chaos. Aber ich entdeckte eine geheime Stärke: Ich war gut im Improvisieren. Ich tat so, als würde alles gut laufen – und irgendwie tat es das auch.
Wenn alles schiefging
Viele denken, wenn ein Projekt 18 Jahre besteht, müsse es von Anfang an reibungslos gelaufen sein.
Doch die Monate vor meinem ersten friLingue-Camp waren voller Zweifel, Rückschläge und kleiner Katastrophen.
Meine Mitgründerin stieg aus, noch bevor wir überhaupt gestartet waren.
Sie war Pädagogin und eine Freundin von mir. Ich hatte sie überzeugt, das Projekt mit mir zu starten – aber nach ein paar Wochen merkte sie, dass es zu viel für sie war. Ihr Vater war gerade verstorben, und sie sagte mir, sie glaube nicht mehr an die Idee. Plötzlich war ich allein – nur wenige Wochen davor, etwas komplett Neues aufzubauen. Das hat mich erschüttert. Aber ich sagte mir: Wenn nicht jetzt, wann dann?
Ich startete mit nichts
Ich hatte gerade die Universität abgeschlossen, keine Ersparnisse und noch nie einen «richtigen Job» gehabt. Ich wollte meine Eltern nicht um Hilfe bitten und lieh mir deshalb 5000 CHF von einem Freund, um zu starten.
Die Flyer ohne Adresse
Ich druckte meinen ersten Flyer mit Anmeldeformular – und merkte danach, dass meine Hausnummer fehlte (sie war beim Druck abgeschnitten worden). 2007 wurden Anmeldungen noch per Post geschickt. Ich erinnere mich, wie ich dachte: «Werden sie überhaupt ankommen?»
Von Schule zu Schule
Ich verbrachte Tage damit, von Schule zu Schule und von Klasse zu Klasse zu gehen, Präsentationen zu halten und Flyer zu verteilen. Manchmal war es halb legal – aber die Lehrpersonen waren neugierig und liessen mich oft hinein. Die Idee sprach für sich.
Dann kam der Kontrast: In der Deutschschweiz funktionierte dieser Ansatz. In Genf musste ich bis zu einer hohen Verwaltungsstelle gehen, nur um die Erlaubnis zum Flyer-Verteilen zu beantragen – und am Ende sagten sie nein.
Technikpannen und Pech
Innerhalb von nur zwei Wochen: Mein erster Computer stürzte ab und ein anderer wurde auf einer Party in meiner Wohnung gestohlen. Irgendwann dachte ich ehrlich: «Vielleicht will jemand nicht, dass das klappt.»
Die Zugbegegnung, die mein Mindset veränderte
Ein paar Monate zuvor hatte ich mich für eine 7-tägige Skitour für Fortgeschrittene angemeldet – obwohl ich noch nie zuvor Skitouren gemacht hatte. Ich hatte einfach das Feld «fortgeschritten» angekreuzt. Es war brutal. Steile Anstiege. Lange Tage. Tiefschnee. Ich hatte echt zu kämpfen.
Dann traf ich eines der Mädchen von dieser Tour im Zug wieder. Sie sagte zu mir: «Ich war wirklich beeindruckt von deinen Überlebensskills. Du hast einfach weitergemacht.»
Das ist mir geblieben. Vielleicht ist das meine Superkraft – ich mache einfach weiter, immer weiter.
Und dann … plötzlich … kamen die ersten Anmeldungen.
Von 29 auf 270 – die Jahre des Aufschwungs
Im ersten Jahr hatten wir 29 Kinder. Im zweiten: 102. Im dritten: 270, verteilt auf drei Standorte.
Wir wuchsen schnell. Ich gab alles. Ich rannte. Aber es ging nicht nur um Zahlen – es ging darum, etwas aufzubauen, das sich anders anfühlte.
Eine andere Kultur
Von Anfang an wollten wir einen Raum schaffen, in dem sich Jugendliche und Lehrpersonen auf Augenhöhe begegnen. In einem meiner ersten Manifeste schrieb ich:
«Wir sind wie Freunde – aber Respekt zählt. Wir duzen uns. Wir sprechen offen. Wir hören zu. Wir wachsen gemeinsam. Wir sind pünktlich.»
Das war kein Slogan. Es wurde ein zentraler Teil unserer Kultur – für Teilnehmende und für das Team.
Struktur und Freiheit – Seite an Seite
Ich habe immer an eine gute Balance zwischen Struktur und Flexibilität geglaubt. Eine der ersten Regeln war: Unterricht beginnt um 9:00 Uhr – pünktlich. Denn ich mochte es nie, wenn Lehrpersonen zu spät kamen.
Wir kombinierten klare Erwartungen mit Offenheit und Spass. Dieser Rhythmus schuf Vertrauen – und liess gleichzeitig Raum für Spontaneität.
«Sprachcamp» – ein Wort, das uns abgrenzte
Damals nutzte in der Schweiz noch niemand den Begriff «Sprachcamp». Wir wählten ihn bewusst – als frische Alternative zum formelleren «Sprachaufenthalt». Er wirkte lebendiger, jugendlicher. Er half, unsere Marke zu definieren – und verschaffte uns früh einen Vorteil in der organischen Suche.
Vorsprung bei Google Ads (als noch Wilder Westen herrschte)
2008 begannen wir mit Google Ads – lange bevor die meisten Sprachcamps überhaupt daran dachten. Es war eine andere Zeit: wenig Konkurrenz, niedrige Kosten, grosse Wirkung. Diese Kombination – starke Markenstimme und frühe Nutzung digitaler Tools – gab uns echten Schwung
Lernen durch Führen
Viele unserer frühen Teilnehmenden wurden später Volunteers, dann Campleiterinnen und Campleiter und schliesslich sogar Lehrpersonen. Einige merken wahrscheinlich gar nicht, wie sehr sie in diesen Sommern gewachsen sind.
Denn Campleiterin oder Campleiter bei friLingue zu sein ist nicht nur ein Job – es ist ein Intensivkurs in Leadership, Teamwork, Kommunikation und Leben.
Purpose UND Pragmatismus
Wir waren nicht nur wegen des Geldes dabei. Wir wollten etwas mit Herz aufbauen – etwas, das jungen Menschen Raum gibt zu führen, zu sprechen und zu wachsen. Viele von uns versuchen, Dinge zu schaffen, die nicht nur auf Umsatz ausgerichtet sind. Aber sie müssen trotzdem tragfähig sein. Das ist die Balance. Und irgendwie hat friLingue beides geschafft: wertebasiert zu bleiben – und gleichzeitig auf eigenen Beinen zu stehen.
Heute, 18 Jahre später, trägt friLingue diese ursprüngliche Vision weiter: Räume zu schaffen, in denen Sprache durch Freude gelernt wird, in denen junge Menschen an Selbstvertrauen gewinnen und in denen jeder Sommer zu einem unvergesslichen Abenteuer wird.
Danke an alle, die Teil dieser Geschichte waren – und auf die nächsten 18 Jahre!
