Hat der klassische Sprachunterricht im Zeitalter der künstlichen Intelligenz noch eine Zukunft?
Das Wichtigste auf einen Blick: ChatGPT übersetzt in Sekundenschnelle, korrigiert die Grammatik, ohne sich zu beschweren, und schläft nie. Warum solltest du dein Kind also weiterhin in ein Camp schicken, um Deutsch oder Englisch zu lernen, anstatt ihm einfach eine App zu installieren? Weil eine Sprache nicht nur dazu dient, Wörter zu verstehen. Sie hilft dabei, Freundschaften zu schliessen, bei einem Gesellschaftsspiel mitzumachen, ohne ständig aufs Handy zu schauen, und Teil einer Gruppe zu sein. KI ist ein hervorragendes Hilfsmittel zum Üben – das bestätigen auch Studien. Sie ersetzt jedoch weder die Motivation, die eine gute Lehrperson vermitteln kann, noch die Erfahrung, zwei Wochen mit Kindern aus aller Welt zusammenzuleben. Die Zukunft ist nicht das eine oder das andere, sondern beides – allerdings nicht unbedingt in dem Verhältnis, das man sich vielleicht vorstellt.
Vor zwei Sommern habe ich während eines Tischtennisturniers in Braunwald gesehen, wie ein Kind mitten im Ballwechsel sein Handy hervorholte, um herauszufinden, was sein Gegner ihm gerade auf Deutsch zugerufen hatte. Das Ergebnis: Der Ball flog vorbei, alle lachten, und am Ende lernte das Kind das Wort „Aufschlag“ ganz ohne App – einfach, indem es das Wort mit seinen Freunden zehnmal wiederholte, bis es sass. Es ist eine ganz einfache Anekdote, aber sie bringt ziemlich gut auf den Punkt, warum mich diese Frage seit einigen Monaten beschäftigt: Warum sollte man eine Sprache überhaupt noch auf klassische Weise lernen – mit einer Lehrperson, einer Gruppe und Übungen –, wenn künstliche Intelligenz jeden beliebigen Satz im Handumdrehen übersetzen kann?
Ist es überhaupt noch sinnvoll, eine Sprache richtig zu lernen?
Ganz klar: Ja – und darüber gibt es eigentlich nichts zu diskutieren. Interessant ist aber die Frage nach dem Warum, denn das übliche Argument („Man braucht Sprachen zum Reisen oder für die Arbeit“) geht am Wesentlichen vorbei.
In einem Camp merkt man das bereits nach wenigen Stunden. Ein Kind, das bei einem Malworkshop oder einem Gesellschaftsspiel wie Dixit mit dem Handy in der Hand sitzt und alles übersetzt, verpasst die Hälfte der Erfahrung. Es schaut auf den Bildschirm statt auf die Karten, übersetzt einen Witz, anstatt im richtigen Moment darüber zu lachen, und schafft vor allem eine Barriere zwischen sich und dem Rest der Gruppe. Sprache ist hier keine Schulübung, sondern der Schlüssel zum sozialen Miteinander. Und wenn ein Kind seinem Bettnachbarn nicht sagen kann „Kannst du mir dein Kissen geben?“, ohne dafür das Handy hervorzuholen, bleibt es ein Stück weit ausserhalb der Gruppe – selbst wenn sich alle bemühen, es einzubeziehen.
In der Schweiz gilt das umso mehr. Wir leben in einem Land, in dem Mehrsprachigkeit nicht nur ein kulturelles Detail ist, sondern in der Verfassung verankert ist: vier Landessprachen und ein Schulsystem, in dem jedes Kind neben Englisch mindestens eine weitere Landessprache lernt. Das Bundesamt für Statistik weist regelmässig darauf hin, dass Sprachkenntnisse nicht nur fürs Reisen wichtig sind. Sie tragen zum Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Regionen des Landes bei und sind gleichzeitig ein wichtiger Vorteil auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Wenn ein Kind aus der Romandie kein Wort Deutsch spricht oder ein Deutschschweizer Kind kein Französisch versteht, ist das nicht einfach nur „schade“ – dadurch bleibt ihm ein Teil des eigenen Landes verschlossen.
Ja, eine Sprache zu lernen bleibt also unverzichtbar. Was sich jedoch verändert, ist die Art und Weise, wie wir sie lernen können. Und genau hier wird die Frage nach der KI interessant.

Ist KI die bessere Lehrperson als ein Mensch?
Hier lautet die Antwort: Ja und nein. Und es ist wichtig, das so klar zu sagen, denn oft wird KI entweder verteufelt oder es wird davon ausgegangen, dass sie innerhalb der nächsten zwei Jahre Lehrpersonen ersetzen wird. Die Realität ist differenzierter – und eigentlich ziemlich erfreulich.
Was KI wirklich gut kann: Eine aktuelle Metaanalyse von rund dreissig Studien hat einen signifikanten positiven Effekt von Chatbots auf das Erlernen einer Zweitsprache festgestellt. Besonders deutlich war dieser Effekt bei generativer KI im Vergleich zu älteren Chatbots, die auf festen Regeln basieren.
Konkret bedeutet das: Eine KI ist auch um drei Uhr morgens verfügbar, sie wird nicht ungeduldig, wenn man ihr zehnmal dieselbe Frage stellt, und sie kann jede Übung in Echtzeit genau an das Niveau der lernenden Person anpassen. Eine Anfang 2026 veröffentlichte Studie kam sogar zu einem Ergebnis, das mich überrascht hat: Bei Studierenden, die eine mündliche Prüfung mit einer KI statt mit einer menschlichen Prüfungsperson absolvierten, hatte die Angst vor dem Sprechen fast keinen Einfluss mehr auf ihre Ergebnisse. Bei einer Prüfung mit einem Menschen war dieser Einfluss hingegen deutlich erkennbar. Für ein schüchternes Kind, das Angst davor hat, vor einem Erwachsenen Fehler zu machen, kann das eine echte Hilfe sein, um überhaupt erst ins Sprechen zu kommen.
Was KI nicht kann – und so schnell auch nicht können wird: Eine KI kann keinen Spaziergang ins Dorf organisieren, bei dem Kinder die Einwohner auf Deutsch interviewen – mit Nervosität im Bauch und dem stolzen Gefühl danach, wenn sie es geschafft haben, sich verständlich zu machen. Sie kann sich auch nicht mit sechs Kindern an einen Tisch setzen, Dixit spielen, merken, dass sich eines von ihnen langsam langweilt, und die Stimmung mit einem Witz wieder auflockern. Und das ist alles andere als nebensächlich. Eine Studie, die das Feedback von ChatGPT mit dem von Lehrpersonen verglich, zeigte, dass Schülerinnen und Schüler mit menschlicher Begleitung grössere Fortschritte machten. Ein wichtiger Grund dafür war das Vertrauen in ihre Lehrperson, das durch eine echte emotionale Verbindung entstand und eine entscheidende Rolle für ihre Motivation spielte.
Mit anderen Worten: Es geht nicht nur darum, wie gut eine Korrektur ist. Entscheidend ist auch, dass ein Mensch an dich glaubt und dir das zeigt.
Bei friLingue sind unsere Lehrpersonen genau deshalb da. Einen Akzent oder eine Konjugation zu korrigieren, kann eine App sehr gut – manchmal sogar besser als wir. Wir sind da, um zu motivieren, Spass am Lernen zu vermitteln und aus einer Vokabellektion zum Beispiel eine Schnitzeljagd im Wald zu machen. Eine KI kann dir eine Liste mit Wörtern geben, die du lernen sollst. Sie kann dir aber nicht das Adrenalin vermitteln, das du spürst, wenn du spontan einen Satz vor einer echten Schweizer Verkäuferin formulieren musst, die vielleicht weder die Zeit noch die Geduld hat, darauf zu warten, bis du die richtigen Wörter gefunden hast.

Der Preis – ja, aber nicht nur
Eines ist klar: Eine KI wird immer deutlich weniger kosten als ein Feriencamp in der Schweiz. Das ist eine Tatsache, und wir müssen auch gar nicht versuchen, etwas anderes zu behaupten.
Für zwanzig Franken im Monat kann man Zugang zu einem Tutor haben, der rund um die Uhr verfügbar ist. Für manche Familien ist das eine echte Alternative – insbesondere, um zwischen zwei Campaufenthalten regelmässig weiterzuüben.
Was ein Abonnement jedoch nicht bieten kann, ist das Gefühl, morgens aufzuwachen und zu wissen, dass deine fünf Zimmerkollegen aus Spanien, Deutschland und Südkorea schon auf dich warten. Es bietet auch nicht den Geruch von Acrylfarbe bei einem Kreativworkshop an einem verregneten Nachmittag, ein spontanes Fussballspiel, bei dem die Regeln gleichzeitig in drei Sprachen ausgehandelt werden, oder einen Abend am Lagerfeuer, an dem du ein traditionelles Lied lernst, das du am Tag zuvor noch nicht kanntest. Eine KI weint am letzten Camptag nicht beim Abschied – und sie bekommt auch nicht ein Jahr später eine Nachricht von einem ehemaligen Campteilnehmer, der erzählt, dass er über Instagram wieder Kontakt zu seinem brasilianischen Campfreund aufgenommen hat.
Ersetzt KI also den klassischen Sprachunterricht?
Nein – aber sie kann ihn intelligenter machen. Ich glaube, wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der KI den mechanischen Teil des Lernens sehr gut übernehmen kann – Vokabeln, Wiederholungen und grundlegende Grammatik –, während sich Menschen auf das konzentrieren, was sie am besten können: Motivation schaffen, Verbindungen herstellen und genau diese kleinen Momente ermöglichen, in denen man sich traut, eine Sprache zu sprechen, die man noch nicht perfekt beherrscht – vor echten Menschen und in einer echten Situation.
FAQ
Verwendet friLingue KI im Unterricht? Nein, der Unterricht wird von Lehrpersonen in kleinen Gruppen von sechs Teilnehmenden durchgeführt. Der Schwerpunkt liegt auf dem Sprechen und auf praktischen Aktivitäten. Unsere Lehrpersonen zeigen Interessierten jedoch gelegentlich, wie sie KI sinnvoll nutzen können, um nach dem Camp selbstständig weiterzuüben.
Kann sich ein Kind, das wegen seines Akzents Angst vor dem Sprechen hat, innerhalb von zwei Wochen wirklich verbessern? Ja, und oft schneller, als man denkt. Die unterstützende Atmosphäre in der Gruppe und der Verzicht auf Noten helfen dabei, die meisten Hemmungen bereits nach wenigen Tagen abzubauen.
Muss man sich zwischen Lern-Apps und einem Sprachcamp entscheiden? Nein, beides ergänzt sich sehr gut. Viele unserer Teilnehmenden nutzen zwischen zwei Campaufenthalten eine App, um ihr Sprachniveau zu halten, und kommen anschliessend ins Camp, um die Sprache unter realen Bedingungen anzuwenden.